11. April 2019
Tag 10 - 9. Etappe
21 km von Najera nach Santo Domingo de la Calzada.
Heute lag eine kürzere Etappe vor uns. Dennoch gingen wir schon um 7:00 Uhr los, weshalb wir wieder den Sonnenaufgang mitbekamen.

Heute waren auch einige andere Pilger schon unterwegs, die ebenfalls stehen blieben, um den Sonnenaufgang zu fotografieren.
Später ging es wieder einen größeren Berg hinauf. Oben angekommen sahen wir eine weite Ebene von Feldern und Wiesen. Und mittendrin eine Stadt. Ich war sehr überrascht, hier oben eine Stadt zu sehen, da der einzige Weg, der hier hoch zu führen schien, der Camino war, den wir gerade entlang gelaufen waren.
Während wir uns der Stadt näherten, zog sich auf unserer linken Seite hinter Zäunen ein riesiger Golfplatz entlang, auf dem auch schon einige Leute spielten.
Die Stadt hingegen bestand aus vielen, relativ neuen Häusern, die aber sehr verlassen aussahen, und auch die Straßen waren menschenleer. Überall hingen „Zu verkaufen”-Schilder. Wir vermuteten, dass diese Häuser zusätzlich zu dem Golfplatz gebaut wurden, dass aber keiner hier hinziehen wollte, weil dieser Ort sehr abgelegen und oben auf einem Berg liegt.
Hinter diesen verlassenen Häusern erblickten wir dann aber das anscheinend „alte Dorf”, alte, schon leicht heruntergekommene Häuser, in denen aber auch noch Leute zu wohnen schienen. Zumindest wurde hier für Herbergen und Restaurants geworben und hier gab es auch eine Straße, die diesen Ort dann wohl doch mit dem Rest Spaniens verband.
Danach ging es noch ein Stück über die Ebene und dann wieder bergab nach Santo Domingo de la Calzada.
Santo Domingo de la Calzada ist ein Ort, der ursprünglich nur für Pilger erbaut worden war.
Die Stadt ist nach dem Gründer der Stadt benannt. Er war ein Einsiedler, der in der Nähe der jetzigen Stadt gelebt hat. Er traf allerdings immer wieder auf verirrte Pilger, die vom Camino abgekommen waren, weshalb er sein weiteres Leben den Pilgern widmete.
Er baute eine Brücke über den Fluss Oja, ein Hospital/Herberge für die Pilger und erneuerte die Straßen (Calzada) in der Gegend.
Um sein Grab herum enststand dann nach und nach der heutige Ort Santo Domingo de la Calzada.
Santo Domingo de la Calzada ist auch für eine weitere Geschichte bekannt.
Eines Tages soll eine Pilgerfamilie auf dem Weg nach Santiago de Compostela in einem Wirtshaus in Santo Domingo de la Calzada Rast gemacht haben. Die Wirtstochter versuchte den Sohn der Familie zu verführen, als dieser sie aber zurückwies, steckte sie ihm zur Strafe einen Silberbecher ins Gepäck. Nachdem dieser gefunden worden war, wurde der Junge verurteilt und zur Strafe gehängt.
Die Eltern zogen traurig weiter nach Santiago de Compostela, kamen auf ihrem Rückweg aber wieder in Santo Domingo de la Calzada vorbei.
Hier erschien ihnen ihr Sohn, der ihnen sagte, dass er gar nicht tot sei. Die Eltern liefen zum Richter, der gerade beim Essen saß, und erzählten ihm davon. Dieser erwiderte, dass ihr Sohn genauso tot sei wie die beiden gebratenen Hühner auf seinem Teller, woraufhin diese sich erhoben und davonflatterten.
Zu Ehren der beiden Hühner aus dieser Legende wird in der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada ein Hühnerpaar in einem Käfig gehalten, das täglich ausgewechselt wird. Die „Wechselhühner” wurden lustigerweise im Hinterhof der öffentlichen Herberge gehalten, in der wir übernachten.

Apropos Herberge. Wir wählten heute tatsächlich wieder seit mehreren Tagen eine öffentliche Herberge, mit mehreren Stockbetten in großen Schlafsälen, da diese die einzige war, in der es eine Waschmaschine für die Pilger gab.
Im externen eigenen Waschsalon der Herberge trafen wir Brian wieder, den Pilger aus Amerika, mit dem wir uns auf dem Weg nach Logroño unterhalten hatten. Er hatte sich allerdings nicht in der öffentlichen Herberge eingetragen, durfte aber trotzdem den Waschsalon mitbenutzen, was uns natürlich mal jemand hätte vorher sagen können.
Abends setzten wir uns in den sehr schönen Gemeinschaftsraum der Herberge, an den auch eine Küche angrenzte, die die Pilger frei benutzen durften. Viele machten davon Gebrauch und kochten sich und anderen richtige Mahlzeiten.